Wenn ein geliebter Mensch geht

Im Februar 2008 war es soweit, mein Vater verließ die Erde, und ich durfte in diesen Stunden an seiner Seite sein. Für diese Erfahrung bin ich ihm zutiefst dankbar!

Nach langer Krankheit kam dieser Moment für alle doch sehr überraschend und schnell. Schon lange hatte ich für mich gewählt, dass ich ihn auf diesem Weg gerne begleiten würde, wenn es für ihn in diesem Augenblick so angemessen ist. Somit hat sich dieser „Termin“ dann auch so ergeben.

Eigentlich wollte ich nicht mehr in Deutschland wohnen. Aber plötzlich wurde der Drang in mir sehr stark mich dort wieder nieder zu lassen. Kurz nachdem ich dann auch „zufällig“ eine Wohnung gleich um die Ecke bei meinen Eltern bezogen hatte verschlechterte sich der Gesundheitszustand meines Vaters plötzlich. Durch diese neue physische Nähe konnte ich immer schnell mit Taten anwesend sein. Das tat uns allen sehr gut.

Da mein Vater während seiner langen Krankheit es immer wieder geschafft hatte sich von seinen gesundheitlichen Tiefschlägen zu erholen, hegte ich einige Zweifel in Bezug auf sein wahrscheinliches Ausscheiden, obwohl alle Zeichen ziemlich klar standen.

Ich spürte jedoch, wie meine bloße Anwesenheit von allen sehr geschätzt wurde. Gespräche zum Thema Tod und Sterben waren nicht sehr erwünscht. Besonders von meinem Vater selbst wurde es als Tabuthema gehalten. Die Angst war zu groß. Gefühle wurden vor einem selbst versteckt.

Ich konnte diese Haltung sehr ehren und so annehmen. Meine Erinnerung an meine eigene Angst und mein unbewusstes Weglaufen vor diesen Themen war mir noch sehr bewusst. Auch ich konnte es gefühlsmäßig damals nicht aushalten. Doch hatte ich in meinem Leben gewählt mich diesen Ängsten zu stellen und neue Lösungen für mich einzubringen. Was dann auch auf meine eigene Art so geschah. Ich bin den Weg in mein Bewusstes Sein hinein gegangen. Ein Bewusstsein, dessen wer ich in meiner Essenz bin.

Auf diesem Weg habe ich auch Menschen auf nichtphysischer Ebene durch ihren Sterbeprozess geführt bis hinein in ihre eigenen weiteren Bewusstseinbereiche, dort, wo sie sich mit ihrem essentiellen Anteil wieder vereinen konnten. Diese Erfahrungen erleichterten es mir sehr mich der heutigen Situation des Sterbens eines geliebten und sehr nahem Menschen zu stellen. Ich wollte es jetzt auch gerne physisch erleben, wie es sich anfühlt bis zum allerletzten Moment an der Seite zu stehen.

Alle Situationen ergaben sich für mich meiner inneren Entscheidung entsprechend. Mein Vater fragte in seinen letzten Stunden seiner Bewusstheit nach unserer Anwesenheit. Dann begann er immer mehr zu schlafen und immer mehr aus dem hiesigen Bewusstsein auszuscheiden. Wir saßen einfach nur bei ihm. Ab und an erwachte er noch und schaute etwas verwirrt um sich. Dann erkannte er uns und schlief wieder beruhigt ein.

Zur Nacht blieben meine Mutter und ich bei ihm. Wir bekamen sogar ein zweites Besucherbett in das Zimmer geschoben. Der Atem meines Vaters ging schwer. Wir wussten nicht, ob er die Nacht noch überleben wird. Doch erlaubte ich mir mich für einen Augenblick hinzulegen und die Augen zu schließen. Zuvor entschied ich aber nochmals, dass ich in dem Augenblick, in welchem mein Vater aus diesem Leben ausscheidet bewusst und wach anwesend sein möchte. So schlief ich ein. Nach einer Weile erwachte ich plötzlich, der Atem meines Vaters wurde plötzlich ruhiger und langsamer. Der Nachtarzt hatte zuvor am Abend noch erklärt, dass wenn es soweit wäre der Atem immer langsamer gehen würde, bis er ganz ausblieb. Diese Information war mir in diesem Augenblick eine große Hilfe. Ich hörte dem Atem meines Vaters aufmerksam zu. Es war so, wie der Arzt es beschrieben hatte. Also stand ich auf und ging zu seinem Bett. Meine Mutter war auch anwesend. Ich streichelte liebevoll die Hand meines Vaters und vergewisserte ihm innerlich, dass jetzt so alles ok ist. Es ist ok zu gehen. So wurde sein Atem immer ruhiger und immer langsamer, bis er schließlich ausblieb…. sein Puls ging noch eine Weile nach, bis auch dieser aussetzte. So ist er ganz sanft für immer eingeschlafen. Er hat seinen physischen Raum verlassen…. Es war eine fast heilige Atmosphäre für mich.

Ich fühlte mich glücklich für ihn, dass er es geschafft hatte und glücklich über mich, dass ich mir diese Situation so sanft und liebevoll erlaubt hatte.

Die Trauer und die Tränen kamen erst später. Es schüttelte mich fast die ganze Nacht. Ich fühlte jedoch keinen Trauerschmerz in diesem Sinne, da ich mir der Existenzen bewusst war. Es war eher ein Erlauben des sich Lösens von Altem und auch das Mitfühlen des Schmerzes der anderen Familienmitglieder. Vor allem mein Vater fühlte sich sehr traurig über sein eigenes Ausscheiden aus dieser Welt an.

Am nächsten Tag konnte ich klar wahrnehmen, dass er in meinem Bewusstseinsbereich mit anwesend war. Ich fühlte aber auch, dass es ihm nicht wichtig war sich mit mir auszutauschen; er war wohl auch noch mehr bei meiner Mutter. Er verstarb auch in dem Glauben, dass es nach dem Physischen nichts gäbe. Das war seine Wahl.

Im Laufe des Tages vernahm ich ein großes Gefühl der Erleichterung und plötzlich den Satz: „Ach, das war aber einfach. Wenn ich gewusst hätte, dass Sterben so leicht geht…..“ Ich konnte innerlich dazu nur grinsen. Ja, die Ängste waren jetzt erlöst, die meines Vaters und auch die meinen. Die Angst des Sterbens hat ihren Schrecken verloren!….

Da ich gelernt hatte andere Menschen auch nach ihrem physischen Tod in ihre erweiterten Bewusstseinsbereiche zu begleiten wollte ich auch meinem Vater zur Verfügung stehen. Obwohl ich das Gefühl hatte, das es nicht erwünscht ist. Doch setzte ich mich wenigsten hin, um in diese Situation hineinzufühlen. Nach einer Weile konnte ich meinen Vater wahrnehmen. Er war wie ein Knäuel in sich zusammen gekauert. Er „saß“ in seinem Bewusstsein „ich bin tot“. Und ich erfuhr das als seine Wahl. Er hatte für sich als Seele entschieden, zu erleben wie es ist, wenn man tot ist. So hatte er sich in seinen nichtphysischen Bewusstseinsbereichen einen „Raum“ geschaffen, in welchem er sich als tot erlebte, abgeschieden von allem anderen. Auf anderen, „höheren“ Bewusstseinsebenen konnte ich aber mit ihm „kommunizieren“. Das verhalf mir zu einem größeren Verständnis dessen, was hier vor sich ging. Bei mir ging es vor allem um die Akzeptanz seine Wahl so anzunehmen wie sie ist.

Bei der Beerdigung fiel mir dann noch auf, dass mein Vater wie über seinem eigenen Grab schwebte und auf seinen Sarg hinabschaute. Ich nahm ihn wieder sehr traurig über seinen eigenen Tod wahr.

Später spürte ich ihn noch einige Male. Das fühlte sich aber schon aus weiteren Bewusstseinsbereichen heraus an, nicht mehr so nah im menschlichen, physischen Bewusstsein. Darüber freute ich mich sehr. Ich fühlte seine unermessliche Liebe aus diesem weiteren Bewusstsein heraus.

Eine immense Dankbarkeit erfüllt mich, mir selbst und allen Beteiligten gegenüber, für diese so bereichernde und liebevolle Erfahrung!

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